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Abartig

Paul Imhof sah, wie ein Tierbändiger seinen Kopf in den zahnstrotzenden Rachen eines Krokodils hielt und ihn heil wieder hinaus ziehen konnte.* Es hätte doch zubeissen müssen, wie das Nilpferd im Basler Zoo. «Ein Krokodil, das nicht frisst, was zwischen seine Zähne gerät, ist kein richtiges Krokodil ...» bemerkt er. Er fügt alle möglichen Fragen an, um das irritierende Verhalten zu begründen:
«Hatte es Angst? Dann war es eine Schande seiner Art. War es krank? Altersschwach? Mit Drogen vollgepumpt?» Er fragt sich, ob es im Kühlschrank gelagert war, um es ruhig (kalt) zu stellen? War es übersatt? «Von Natura aus friedlich? Ein Guttier gar, da sich alle Mühe gab, in komplexer, multikultureller Umgebung zu bestehen?»

Wir sind uns einig: Ein Krokodil, das unsere Erwartungen an seine Art nicht erfüllt ist abartig. Egal, was dafür die Umstände sind.

* Im Tages Anzeiger, Zürich vom 21.10.2004, Von der Artigkeit des Guttiers


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